Chat for your Life

Chat for your life

eine Internet-Phantasie

Seufzend lehnte sich Johannes zurück und wartete, bis sein Computer Windows gestartet hatte. Er zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Endlich Feierabend. Nach diesem endlosen, stressigen Arbeitstag freute er sich darauf, wie jeden Abend ins Netz zu gehen um zu surfen und zu chatten.

Als endlich das Desktop-Bild erschien, aktivierte er seinen Provider, gab sein Kennwort ein und horchte auf die kreischenden Töne des Modems beim Zugang zum Rest der Welt. Schließlich öffnete er seine eingegangenen e-mails. Alles nur Werbung und eindeutig zweideutige Angebote von Sex-Seiten.

Vielleicht würde er ja heute wieder einen netten Chat finden? Er ging in den Chatroom Schlaflos. Doch es war ausser ihm niemand da. Er war wohl der einzige einsame Schlaflose in dieser Freitag Nacht um 3.00 Uhr. Gerade wollte er den Chatroom verlassen, um woanders nach einem Gespräch zu suchen, da blinkte im Teilnehmerfeld ein Name auf. Aha, doch noch jemand einsames. Er wartete, dass dieses Phantom1463 das Gespräch anfing. Doch das Feld blieb leer. Was war denn das für ein gesprächiger Kerl? Kommt in den Chatroom und sagt nichts. Also begann Johannes die Unterhaltung.

Hi Phantom. Was läßt dich an einem Freitag abend schlaflos vor dem PC sitzen?

Er wartete auf eine Antwort. Phantom war immer noch im Chatroom, aber schien nicht antworten zu wollen. Ist ja spannend mit dir zu plaudern. Wollte er gerade schreiben um dann den Raum zu verlassen und sich woanders umzusehen. Da erschien tatsächlich eine Antwort.

Hallo Joe. Weiß nicht, wohin ich gehen soll. Ich will hier raus. Sag mir, was soll ich tun?

Verwundert las Johannes diese Zeilen. Was sollte denn das bedeuten? War dieser Kerl vielleicht ein bisschen wirr? Aber vielleicht war es ja eine einsame, verwirrte Frau, die Anschluß suchte.

Aber Du weißt, wer Du bist? Erzähle mir von Dir. Bist Du eine Frau oder ein Mann? Wie alt bist Du?

Eigentlich fragte er andere Chatter selten nach so persönlichen Dingen, aber dieses Phantom hatte seine Neugier geweckt. Wieder verging einige Zeit, bis eine Antwort kam.

Ja, ich weiß wer ich bin. Ich heiße Anna und bin 26 Jahre alt. Bitte hilf mir Joe.

Interessiert las Johannes diese Mitteilung. Ein Mädel also. Genau das richtige Alter, vier Jahre jünger als er. Während er sich seine Antwort überlegte, blinkte ein neuer Name im Teilnehmerfeld auf. Und schon erschien der Kommentar von Zorro-bmx0815:

Ihr habt ja eine komische Unterhaltung. Ist hier nicht mehr angesagt als Euer konfuses Blabla?

Johannes ärgerte sich. Was wollte denn dieser Wichtigtuer mitten in ihrem Gepräch?

Hallo Zorro, wenn Dir unsere Unterhaltung nicht passt, kannst Du ja wieder gehen!

Prompt kam die Antwort.

Das mach ich auch. Beim Liebesgeflüster ist bestimmt mehr los. Also, ödet Euch weiter alleine an.

Und schon verschwand sein Name vom Teilnehmerfeld. Johannes zündete sich eine weitere Zigarette an, sog den Rauch tief ein und legte sie in den Aschenbecher.

Anna, wie kann ich dir denn helfen? Was ist dein Problem?

Ich bin hier gefangen, irgendwo in Zeit und Raum. Schon so lange habe ich gewartet. Endlich habe ich einen Weg gefunden, um mit jemandem Kontakt aufzunehmen.

Ups. Tatsächlich eine ziemlich verwirrte Frau. Doch Johannes wollte das Gespräch nicht so einfach beenden. Vielleicht hatte sie eine nette Story auf Lager?!

Wie lange bist Du denn schon in Zeit und Raum gefangen?

Das sind jetzt schon 537 Jahre. Ich weiß, das ist eine lange Zeit. Es ist viel passiert seit damals. Ich habe alles mitbekommen. Die vielen Kriege, Atombomben.. Die Welt hat sich sehr verändert. Doch endlich habe ich es geschafft. Endlich kann ich wieder mit jemandem reden. Es ist so schön, nach all den Jahren der Einsamkeit endlich wieder mit jemandem zu sprechen.

Nach 537 Jahren ist es schön, mal wieder mit jemandem zu sprechen. Johannes rieb sich die Stirn. Die Frau war ja durchgeknallter, als er zuerst gedacht hatte.

Liebe Anna, sprechen kann man das hier eigentlich nicht nennen. Aber wenn Du wirklich mit mir reden möchtest, wir können uns ja mal treffen. Ich würde Dich gerne persönlich kennenlernen. Da könnten wir uns mal so richtig austauschen. Wo wohnst Du?

Johannes zerdrückte seine verglimmte Zigarette im Aschenbecher und holte sich ein Bier. Na, da bin ich mal gespannt, was sie jetzt schreibt. Seit 537 Jahren in Zeit und Raum verloren. Haha. Phantasie hatte sie, das mußte er ihr lassen. Er setzte sich wieder, trank sein Bier an und bewegte die Maus, um die über den Monitor sausenden Sterne verschwinden zu lassen. Dann erstarrte er.

Ich würde mich gerne mit Dir treffen und mit Dir direkt reden. Aber das geht nicht. Darum brauche ich Deine Hilfe. Ich bin ja schon hier. Hier bei Dir. In Deinem Zimmer. Ich kann Dich sehen, wie Du gerade den Raum verlässt um Dir ein Bier zu holen nachdem Du die Zigarette ausgedrückt hast. Vielleicht kannst ja Du mir helfen, endlich wieder in die materielle Welt zurückzukehren. Du bist der erste, bei dem es mir gelungen ist, Kontakt aufzunehmen.

Johannes sah sich geduckt um. Das gibt’s doch nicht! Wie konnte sie das wissen? Es gab ja keine Möglichkeit, ihn zu beobachten. Die schweren Rollos waren in der ganzen Wohnung heruntergelassen. Langsam wurde Johannes nervös. Ach Quatsch, die hat einfach nur geraten und zufällig richtig getippt. Was sollte ein Mann schon tun als sich ein Bier holen?! Aber trotzdem, das war schon ein großer Zufall. Und wenn es tatsächlich wahr war? Nein, das konnte einfach nicht sein. Er setzte die Finger auf die Tastatur, nahm sie wieder zurück. Er trank einen Schluck Bier. Dann nahm er sich eine weitere Zigarette. Er starrte auf die Buchstabenkolonnen vor sich bis sie vor seinen Augen verschwammen. Die plötzlich losfliegenden Sterne des Bildschirmschoners ließen ihn zurückfahren. Nach einigen Minuten ließ er den Sternenhimmel wieder verschwinden, um ihre Nachricht noch mal zu lesen. Da war eine neue Mitteilung von ihr!

Du hast jetzt Angst. Du weißt nicht, ob Du mir glauben kannst oder nicht. Das verstehe ich. Es ist schon eine mehr als seltsame Geschichte. Ich wollte Dich aber nicht erschrecken. Ich würde Dich gerne von der Wahrheit überzeugen, sag mir, wie.

Zögernd griff Johannes wieder zur Tastatur.

Ja, Du hast recht. Ich weiß nicht so recht, ob ich diese Geschichte glauben kann. Wenn Du wirklich hier in diesem Raum bist, dann gib mir ein Zeichen. Lass die Kerze ausgehen oder so was.

Johannes starrte wie hypnotisiert auf die Kerze neben seinem PC. Würde sie wirklich ausgehen? Als sie anfing zu flackern, zuckte er zusammen. Aber sie ging nicht aus. Erleichtert und auch ein bisschen enttäuscht atmete er durch. Das war wohl nur sein eigener Atem gewesen. Er griff zu seinem Bier und nahm einen tiefen Schluck. Als er die Flasche absetzte, sah er im Augenwinkel, wie die Kerze flackerte und plötzlich verlöschte.

Grauer Rauch kräuselte sich vom Docht ausgehend in Richtung Decke. Nein! Das konnte nicht sein! Aber er hatte doch gar nicht tief ausgeatmet. Durchzug konnte es auch keinen geben, das einzige Fenster war geschlossen um den Verkehrslärm auszusperren. Okay, die Story war also wahr. Und er träumte. Komischer Traum. Eine neue Nachricht blinkte auf seinem Monitor auf.

Ich habe es tatsächlich geschafft! Ich hatte zuerst gedacht, es würde mir nicht gelingen, bisher konnte ich die materielle Welt in keinster Weise beeinflussen. Aber jetzt! Es hat geklappt. Das kann nur an Dir und Deinen mentalen Fähigkeiten liegen. Ich hoffe, Du glaubst mir jetzt.

Ja, ich glaube Dir. Ich wußte allerdings gar nicht, dass ich mentale Fähigkeiten habe. Was kann ich nun tun, um Dir zu helfen?

Das weiß ich auch nicht so genau. Es hat etwas mit einem Ritual zutun, wie damals, als ich in diese seltsame Zwischenwelt geschleudert wurde.

Was war das damals für ein Ritual?

Gudrun, die Heilerin unseres Dorfes hat es durchgeführt. Sie wollte mich unsichtbar machen, da einige Ritter des Inquisitors die Gegend durchkämmten. Da ich mit meinen roten Haaren sicher als Hexe umgebracht worden wäre, bat mein Vater sie, mich zu retten. Es hat auch funktioniert, aber sie konnte mich später nicht mehr zurückholen, da sie selbst getötet wurde. Ich mußte alles mitansehen. Meine Eltern trauerten, da sie dachten ich sei tot. Verzweifelt habe ich versucht, ihnen klar zu machen, dass ich immer noch bei ihnen war, doch sie konnten mich nicht hören und nicht sehen.

Weißt Du denn, was das für ein Ritual ist?

Nein, aber Gudrun hat alle Ihre Rituale in einem dicken Buch aufgeschrieben. Du mußt nur dieses Buch finden. Soviel ich weiß, ist es nach Gudruns Tod von einem Ritter mitgenommen worden. Dieser hat es seinem Herren, dem Fürst Rudolph II. von Erlangen, als Zeichen des Triumphs über die Antichristen, wie er es nannte, mitgebracht. Der hat es in seiner Bibliothek verstauben lassen. Einer seiner Nachfahren hatte es dann Ende des 19. Jahrhunderts mit hunderten anderen Büchern der ersten staatlichen Bibliothek von Erlangen geschenkt. Dort liegt es immer noch unkatalogisiert in einem Abstellraum zwischen tausenden anderen alten Büchern, für die sich keiner mehr interessiert. Das Buch heißt scriptum occulutus, es hat einen braunen Umschlag und sieht schon ziemlich verschlissen aus.

Gut, ich werde morgen in die Bibliothek gehen und dieses Buch suchen. Ich kann Dir aber nicht versprechen, dass ich es auch finden werde. Gute Nacht, ich geh jetzt ins Bett. Bis morgen, ich melde mich dann wieder.

In was für eine irre Geschichte war er da nur reingeraten. Sollte er jetzt wirklich zur Bibliothek rübergehen um dieses Buch zu suchen? Zufällig war die alte Bibliothek direkt in dem Gebäude gegenüber von dem kleinen alten Häuschen, in dem er gemeinsam mit seiner Mutter wohnte. Zum Glück kannte er Frau Russwurm, die Chefbibliothekarin ganz gut. Sie hatte ihm bei seinen zahllosen Recherchen während des Studiums und der Diplom-Arbeit immer wieder geholfen und auf die richtige Spur gebracht.

Mittlerweile mußte es draußen schon langsam hell werden, immerhin war es schon 4.00 Uhr vorbei. Er fuhr Windows herunter und schaltete den Kasten  ab. Mit bleiernen Beinen schlurfte er in sein Schlafzimmer, schloss vorsichtig die Tür und ließ sich auf’s Bett fallen. Vielleicht würde er in ein paar Stunden aufwachen und es war alles nur ein Traum. Vielleicht …

Angewidert schlug Johannes den Mantelkragen hoch. Schon wieder Regen! Würde das denn nie aufhören?! Er schlängelte sich zwischen den an der roten Ampel wartenden Autos hindurch, sprang über zwei Pfützen und stand schließlich auf den Stufen des imposanten Eingangsbereichs der Alten Bibliothek. Er schüttelte den Regen aus seinem Trench-Coat und blickte zurück auf das kleine Häuschen in dem verwilderten Garten auf der anderen Straßenseite, aus dem er gerade gekommen war. Obwohl er nur drei Stunden geschlafen hatte, war er um 7.00 Uhr frisch und erholt aufgewacht. Die Erinnerung an den gestrigen Abend war sofort wieder hochgekommen. Zunächst wie ein Traum, aber dann immer realer. Ja, es war wirklich passiert. Anna gab es wirklich irgendwo hier um ihn herum. Mit einem stärkenden Kaffee im Bauch war er so früh wie selten aus dem Haus getreten, entschlossen, dieses Buch zu finden und Anna zu retten.

Er öffnete die schwere Eichentür, durchschritt das weitläufige Foyer und trat an den Tresen, hinter dem Frau Russwurm, die Stirn in tiefe Falten gelegt, eine Liste mit Neuerscheinungen studierte. Grimmig sah sie auf, um dem frühen Besucher einen strengen Blick zuzuwerfen. Als sie ihn erkannte, erstrahlte jedoch ein freundliches Lächeln auf ihrem Gesicht. „Herr Gutbroth, das ist aber nett, dass sie mich mal wieder besuchen. Was kann ich für Sie tun?“ „Guten Morgen, Frau Russwurm. Ich habe heute eine etwas ausgefallene Bitte. Ich hoffe Sie können mir weiterhelfen.“ Frau Russwurm legte die Liste und ihre Lesebrille zur Seite und sah ihn fröhlich an. „Na, das werden wir gleich sehen. Worum geht’s denn?“ „Ich bräuchte ein Buch, das angeblich bei Ihnen unkatalogisiert im Lager sein soll. Es ist aus dem Mittelalter und heißt scriptum occulutus.“ Wieder erschienen die Falten auf ihrer Stirn. „Das hört sich in der Tat schwierig an. Ich habe heute leider keine Zeit, mich darum zu kümmern, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie selbst im Lager nachsehen, ob Sie es finden. Das kann allerdings etwas dauern, die Bücher dort sind größtenteils nicht sortiert.“ Johannes strahlte sie an. „Das macht nichts. Es wäre mir ein Vergnügen, die alten Wälzer durchzustöbern!“

Nachdem Frau Russwurm ihn zum Lagerraum geführt und die schwere Brandschutztür geöffnet hatte, stand Johannes ergriffen vor den endlosen Reihen von Bücherregalen. Im hinteren Bereich des riesigen, über 3 Meter hohen Raumes konnte er zahllose Kartons erkennen. Irgendwo hier mußte sie sein, die Lösung auf Annas Probleme. Doch wie sollte er dieses Buch finden? „Viel Spaß noch, Herr Gutbroth!“ verabschiedete sich Frau Russwurm und ging den schmalen Gang zum öffentlichen Teil der Bibliothek zurück.

Na dann wollen wir mal! Johannes ging zum ersten Regal und studierte die Buchrücken. Nachdem er einige Reihen abgesucht hatte, ging er zu den Kartons im hinteren Teil des Raumes. Er öffnete einen davon. Der muffige Geruch, der über dem ganzen Lager hing, verstärkte sich. Uralte, vergammelte Bücher lagen in dem Karton. Wie sollte er hier nur etwas finden? Er mußte irgendwie Kontakt zu Anna aufnehmen, vielleicht konnte sie ihm helfen. Er setzte sich auf einen der Kartons, schloß die Augen und konzentrierte sich. Nach kurzer Zeit begann er leise zu Anna zu sprechen. „Hilf mir Anna, dieses eine Buch zu finden. Gib mir einen Hinweis.“ Er wiederholte die Bitte mehrmals.

Plötzlich erschien vor seinem geistigen Auge ein Buch in zerschlissenem braunen Umschlag ohne Beschriftung. Es steckte zwischen alten Romanen und Fachbüchern in dem Regal unter dem einzigen abgedunkelten Fenster des Lagers. Er öffnete die Augen, erhob sich und ging genau an die bewußte Stelle. Tatsächlich, da stand genau das Buch, das er gerade gesehen hatte! Vorsichtig zog er es heraus und schlug es auf. Die verblasste Handschrift auf dem vergilbten Papier war verwaschen und stellenweise kaum noch lesbar. In verschlungenen Lettern stand dort: scriptum occultus. Ja, das war es! Jetzt aber schnell nach Hause und Anna mailen! Er klappte das Buch zu. Mit der ausweichenden Luft stieg ihm aus dem Buch ein seltsamer aber angenehmer Duft entgegen, den er vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn.

Ungeduldig wartete Johannes, bis der Computer Windows hochgefahren hatte und er endlich online war. Sein Blick glitt über das alte Buch, das neben dem Monitor auf seinem Schreibtisch lag. Zum Glück hatte Frau Russwurm ihm erlaubt, das Buch mitzunehmen, was normalerweise von der Bibliotheksleitung her verboten war. Sie war sehr verwundert gewesen, dass er das Buch in dem Durcheinander so schnell gefunden hatte. Auf ihre Einladung, mit ihr mittags zum Essen zu gehen, hatte er sich gewunden und mit einer fadenscheinigen Ausrede die Flucht angetreten.

Endlich war er im Chat-Raum Schlaflos. Zum Glück war ausser ihm niemand da. Er wartete, bis Annas Adresse auftauchte. Da! Schon erschien Phantom1463 auf dem Bildschirm. Aufgeregt schrieb er los.

Hallo Anna! Ich habe das Buch tatsächlich gefunden, wie Du ja wohl weißt. Danke für Deine Hilfe übrigens, alleine hätte ich es nie gefunden. Du mußt mir jetzt nur noch helfen, das richtige Ritual zu finden, ich komme mit dem Buch nicht so ganz zurecht.

Lieber Joe, Du bist ein Schatz! Natürlich war ich in der Bibliothek mit dabei. Hast Du die verliebten Blicke der Bibliothekarin gesehen?! Die scheint ja ein echter Fan von Dir zu sein. Na, uns soll’s recht sein. So konntest Du das Buch mitnehmen. Nun zum Ritual: blättere auf die Seite, auf der ein Pferd mit Flügeln neben einem Drudenfuss abgebildet ist. Darunter ist das bewußte Ritual beschrieben.

Johannes schnappte sich das Buch und blätterte es auf der Suche nach Pferd und Drudenfuß vorsichtig durch, um die brüchigen Blätter nicht noch mehr zu beschädigen als es die letzten 500 Jahre bereits geschafft haben. Tatsächlich, er hatte die Abbildung gefunden. Der darunter befindliche Text war einigermaßen lesbar, nur die Überschrift war durch einem Schimmelfleck, der sich durchs halbe Buch gefressen hatte, unlesbar geworden. Na egal, wenigstens die Beschreibung konnte er entziffern. Es kam ihm zwar ziemlich merkwürdig vor, doch was gab es nicht alles geheimnisvolles auf dieser Welt!

Liebe Anna, habe den entsprechenden Text gefunden. Ich werde das Ritual so schnell wie möglich durchführen, ich brauche nur noch einige Zutaten die nicht so einfach zu beschaffen sind. Ich melde mich dann nochmal, wenn ich alles zusammen habe.

Er wollte sich schon voller Elan auf den Weg machen, da erschien eine neue Nachricht.

Joe, Moment. Du bekommst alle nötigen Zutaten im Okkultismus-Shop in der Agnes-Bluhm-Straße. Bis bald.

Ihre Adresse verschwand aus dem Teilnehmerfeld. Johannes lehnte sich zurück und starrte auf den blinkenden Cursor. Ein Okkultismus-Shop in der Agnes-Bluhm-Straße? Regelmäßig kam er durch diese Straße auf dem Weg zur Arbeit, aber dieser Laden war ihm noch nie aufgefallen. Da kannte sich seine Freundin aus dem Mittelalter wohl besser in der Stadt aus als er selbst. Aber ihm sollte es recht sein, dann mußte er sich nicht groß auf die Suche machen. Schnell schrieb er die notwendigen Zutaten auf einen Zettel und ging los.

An der Haustür traf er noch seine Mutter. „Junge, was ist eigentlich heute mit dir los? Du bist nicht mal zum Frühstück gekommen. Geht es dir nicht gut? Hast du denn überhaupt schon was gegessen?“ Johannes schüttelte die Wirkung des traurigen Dackelblicks hinter der dicken Hornbrille von sich ab. „Ich hab einen wichtigen Termin. Ich esse heute ausserhalb. Brauchst nicht für mich zu kochen!“ Und schon war er weg. Kopfschüttelnd blickte ihm seine Mutter hinterher. Was war nur mit dem Jungen los? So aufgelöst hatte sie ihn ja noch nie erlebt. Bisher war er immer so ruhig gewesen, war jeden Tag zum gemeinsamen Essen zu ihr in die Küche gekommen und hatte ihr ein bisschen von seiner Arbeit erzählt.

Der kühle Herbstwind wirbelte die braunen Blätter über die nassen Straßen. Johannes zog seinen Mantel enger um sich und stapfte durch die Altstadt. Endlich hatte er die Agnes-Bluhm-Straße erreicht. Stirnrunzelnd musterte er die baufälligen kleinen Häuser, die sich hier vor der großen Sanierungsaktion der Stadt eng aneinander gedrängt zu verstecken versuchten. Da, tatsächlich! Über der Tür eines ehemals violett gestrichenen Hauses  hing ein schwarzes Schild, auf dem in leuchtend weißen Buchstaben Okkultismus-Bedarf geschrieben stand. Warum war ihm das Schild nur nie aufgefallen? Er öffnete zögernd die kleine Holztür, die sich in einen dämmrigen niedrigen Raum öffnete. Schwaden von diversen fremden Gerüchen umfingen ihn. Nachdem sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten, konnte er einige Holzregale erkennen, die über und über voll waren mit Schachteln, Dosen, Tüten und anderem Kleinkram. Suchend streifte sein Blick über die Regale und schließlich in Richtung des angrenzenden Raumes, aus dem das anschwellende Pfeifen eines Wasserkochers ertönte, doch er konnte keinen Verkäufer finden. Er trat an das erste Regal auf der linken Seite und begann, die Beschriftungen der ledernen Säckchen zu entziffern, als er plötzlich eine leise Stimme hinter sich vernahm. „Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ Abrupt drehte er sich um und starrte in ein Paar leuchtend blauer Augen unter buschigen grauen Augenbrauen in einem runzligen Gesicht. „Äh, ja gerne. Ich bräuchte für eine Freundin ein paar Sachen. Hier.“ Umständlich kramte er seinen Einkaufszettel aus der Hosentasche und reichte sie dem alten Herrn. Dieser nahm den Zettel entgegen, rückte seine Lesebrille zurecht und begann vorzulesen. „Hygeia-Öl, Vesta, Metis, Lunaris, Betonienkraut, Damiana, Galgant … Na, das hört sich interessant an.“ Und schon begann er, mit einer brauen Papiertüte bewaffnet, durch die diversen Regale zu gehen um hier und dort etwas herauszunehmen und es in die Tüte zu legen.

Als Johannes schließlich 78,- Mark auf den Tresen legte und die Tüte entgegennahm, verabschiedete sich der alte Mann mit raunender Stimme:“Ich wünsche ihrer Freundin viel Glück. Und seien sie vorsichtig!“ Johannes bedankte sich und verließ erleichtert den kleinen Laden. Wahrscheinlich lag es an der duftgeschwängerten Luft, dass er plötzlich stechende Kopfschmerzen hatte. Tief atmete er die kühle frische Luft ein und begab sich auf den Heimweg.

Das alte Buch lag aufgeschlagen auf dem Küchentisch. Zum Glück war seine Mutter heute abend ausnahmsweise mit einer Freundin unterwegs. Anna hatte ihm genau beschrieben, wie er die einzelnen Ingredenzien zubereiten mußte um sie anschließend in einer Schale zu verbrennen. Inzwischen kam sich Johannes ziemlich dämlich vor. Er, der Computer-Freak, stand in der Küche seiner Mutter und braute Zaubertränke! Lächerlich! Doch dann mußte er wieder an die arme hilflose Anna denken, die er so gern befreien wollte.

Vorsichtig nahm er die einzelnen Zutaten zur Hand und zerstiss sie im Mörser. Als er alles zusammen hatte, füllte er die intensiv duftende Mischung in eine feuerfeste Schale und ging damit in sein Computerzimmer. Er stellte die Schale auf den Tisch neben den PC und zündete einige Kerzen an. Dann setzte er sich an die Tastatur.

Hallo Anna. Endlich ist es soweit! Ich werde jetzt mit dem Ritual beginnen. Ich freue mich schon darauf, dich endlich zu sehen. Bis gleich!

Danke für alles, lieber Joe. Bis gleich.

Aufgeregt zündete Johannes das Potpourri in der feuerfesten Schale seiner Mutter an. Starker Rauch bildete sich und hüllte ihn sofort ein. Der Geruch war sehr intensiv aber nicht unangenehm. Er nahm das Buch zur Hand und las den Zauberspruch leise vor.

Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun, inuar uigandun.
Phol ende uuodan uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit.
sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.

Die letzten Zeilen hatte er durch den dichten Rauch kaum noch erkennen können. Aber es war vollbracht! Neugierig blickte er sich um, ob er Anna sehen konnte. Langsam legte sich der starke Rauch und zog durch das Fenster ab. Da stand sie! Das mußte sie sein! Ein wunderschönes Mädchen in altmodischen weiten Gewändern, das zarte Gesicht von rotblonden Locken umrahmt. Schüchtern lächelte sie hinter seinem Monitor hervor. Er trat auf sie zu, und auch sie kam ihm entgegen. Er wollte ihr die Hand reichen, doch sie viel ihm weinend um den Hals. „Endlich bin ich nicht mehr allein! Ich bin so glücklich!“ Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er konnte es kaum glauben! Da war sie nun wirklich, aus Fleisch und Blut. Und sie war so schön. Als sie sich aus der Umarmung gelöst hatten, nahm er sie bei der Hand und zog sie Richtung Türe. „ Komm, lass uns nach oben gehen. Es ist hier noch so qualmig.“ Sie lächelte ihn nur an. Er streckte seine Hand zum Türgriff aus, wollte die Klinke herunterdrücken, doch diese reagierte nicht. Panik befiel ihn. Was war denn hier los? Anna zog ihn jetzt ihrerseits weiter. „Das geht schon. Komm.“ Und schon war er an ihrer Hand durch die ungeöffnete Tür gegangen. „Anna, was hat das zu bedeuten? Was ist da los? Was ist mit mir?“ Beruhigend legte sie ihm die Hand auf die Schulter. „Du brauchst keine Angst zu haben. So ist das in meiner Welt. Gefällt es dir nicht?“ Schockiert sah er sie an. Was sagte sie da? Er sollte jetzt in ihrer Welt sein? „Aber .. aber warum in deiner Welt? Ich dachte, ich hole dich zurück in die materielle Welt, in meine Welt?“ „Ach, ich mußte dich leider etwas anflunkern, sonst hättest du das Ritual sicher nicht durchgeführt. Ich wollte nie diese Welt verlassen um sterblich werden. Nein, es ist sehr schön hier, nur das Alleinsein hat mir nicht mehr gefallen. Aber du. Du hast mir gefallen!“ Stumm nickte Johannes. Sie gingen durch den Flur in Richtung Haustür. Gingen durch seine gerade hereintretende Mutter fast hindurch. Er wollte etwas zu ihr sagen, doch er wußte, es hatte keinen Zweck. Schweigend folgte er der freudestrahlenden Anna in die neblige Nacht.

(August 2000 – 3. Platz beim Steven King Wettbewerb von arte)

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